Margarita Khomenker	 | Zwischen Vergangenheit und Gegenwart

„Wer ein Haus baut, will bleiben.“

Salomon Korn

zur Einweihung des jüdischen Gemeindezentrums in Frankfurt am Main 1986

Die Geschichte der jüdischen und traditionellen Gemeinden im Rhein-Main-Gebiet gehört in Deutschland zu den ältesten. Im Mittelalter war Mainz das Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit und Religion der aschkenasischen Juden. Bis in die späte Neuzeit siedelten sich jüdische Familien in den Städten Frankfurt, Offenbach und Darmstadt an. Die entstandenen Jüdischen Straßen, Ghettos und Gemeindehäuser prägten bis zur Reichspogromnacht nicht nur das Stadtbild, sondern zeugten von einem starken wirtschaftlichen und kulturellen Austausch zwischen Juden und Christen.
      Auch nach den Pogromen, Brandstiftungen und Verfolgungen kehrten Juden in die Industrie- und Dienstleistungsregion an den Rhein und den Main zurück, gründeten Gemeindehäuser und bauten Synagogen. So entstand auch 50 Jahre nach der Reichspogromnacht in Darmstadt ein vollwertiger Gemeindebau mit Synagoge.
      Insbesondere die Einwanderung der osteuropäischen Juden veranlasste den Bau vieler neuer Synagogen. Diese sollten nicht länger ein Provisorium sein, sondern ein klares Zeichen in das Stadtbild setzen. Den jüdischen Gemeindehäusern in Mainz, Frankfurt, Offenbach und Darmstadt ist es nicht nur gelungen, den gegenwärtigen Architekturströmungen gerecht zu werden, sondern auch bewusst auf die Vergangenheit zu referieren.
      Im Zentrum meiner Arbeit behandele ich den Zustand des Dazwischen-seins, zwischen der Vergangenheit, der Geschichte der jüdischen Gemeinden, und deren Gegenwart. Um diesen Zustand zu verbildlichen, wählte ich Schwellenelemente wie Tür, Fenster und Kuppel aus, die auf die Vergangenheit verweisen und dennoch in der Gegenwart einer architektonischen Funktion unterliegen. Aus meinen fotografischen Arbeiten soll ein Raum entstehen, der dem Betrachter die Möglichkeit lässt, die Schwelle zwischen Innen und Außen als die Schwelle zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu begreifen.

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Die Begegnung      Zwei Synagogen in Offenbach


In Offenbach am Main erleben wir eine in ganz Deutschland einmalige Koexistenz der alten und der neuen Synagoge. Lediglich eine Hauptstraße trennt die alte Kuppelsynagoge von 1918 von dem neuen Gemeindehaus mit Kindergarten und Synagoge. Die ehemalige Synagoge wurde in der Reichspogromnacht 1938 im Innern sehr stark beschädigt, überlebte aber den Brand und den Zweiten Weltkrieg mit geringen Schäden. Heute befindet sich in der ehemaligen Synagoge ein Konzertsaal – eine außergewöhnliche Begegnung.

Neue Synagoge Mainz
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„Licht der Diaspora“      Neue Synagoge Mainz


Den Haupteingang der von Manuel Herz erbauten Neuen Mainzer Synagoge schmückt die hebräische Aufschrift Me’or ha-Golah - beith knesset - Magenza, „das Licht der Diaspora - Haus der Versammlung (gemeint ist die Synagoge) – Mainz“. Die Mainzer Synagoge trägt den Namen „Licht der Diaspora“, der auf den Gelehrten Rabbiner Gerschom Ben Jehuda (960 bis 1040) aus Mainz zurückgeht. Seine Lehren und Talmudstudien hatten Auswirkungen auf das gesamte Judentum in Europa. In dieser Tradition möchte sich die Neue Synagoge mit ihrem Neubau verstanden wissen, und steht am Anfang dieses Weges.

Margarita Khomenker

Margarita Khomenker
1985 geboren in Moskau (Russland)
2005-2006

Studium der Germanistik und Mathematik
an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

seit 2006

Studium der Bildenden Kunst und Mathematik
an der Kunsthochschule Mainz und der
Johannes Gutenberg-Universität Mainz

seit 2007

Klasse für Bildhauerei:
Prof. Adam Löffler
Prof. Martin Schwenk