10 | Sabrina Ayorinde | unterwegs

Temporäre Audioinstallation | 8.6.2008 | S-Bahn Unterführung | Frankfurter Berg

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Entlang an brachliegenden Bauruinen und futuristischen Fassaden.

Von Ferne will ich lauschen.

Ich verwechsle den Vibrationsalarm meines Handys mit Magenknurren. Bevorstehende Ungewissheiten führen zu Aufgeregtheit in Bauchnabelregion.

Gebrochenes Licht trifft flackernde Lider, blinde Fensterscheiben spähen und uns an.

Vorbei an Ortsausgangsschildern – auf dem Weg – weg. Am Bestehenden keine Sättigung verspürend unterbrechen wir hier, um dort zu sein. Um das Große fortzuführen, von dem wir nicht wirklich wissen, was es ist.

Niemand weiß wohin in die Ferne.

Erwartungsvoll gelangweilte Blicke. Hochspannungsleitungen zaubern Zeichnungen in den grell grauen Himmel. Hell löst dunkel ab, wird hell, zuckende Schatten schnellen vorbei.

Ihr zufluchtsvollen Schatten.

Kurven verhindern gradliniges Fortschreiten. Unsere Waden sind schwer– so wie Blei, niedergelegt sänken sie durch die Erdoberfläche bis zum Mittelpunkt der Welt – so schwer.

Ist der Weg auf dem wir gehen hölzern? Sind wir Halbtagshelden auf halber Strecke? Brennende Sohlen treiben uns voran und lassen keinen Raum für noch offene Fragen. Uns bleibt kaum Zeit.

Hügelketten am Horizont in diesigem Dunst. Flächen von braun, grün, dann ocker nähern sich. Entzückte Flügelschläge unserer Seelen – die plötzliche Aufgeregtheit, kurz bevor wir die Kuppe des Hügels erklimmen, vielleicht hier das ersehnte nächste Stück zum Glück.

Beschleunigung führt zu einem verengten Blickfeld. Zeitlos fliegen Landschaften an uns vorbei. Wir hängen unseren Gedanken nach, sind schon los und noch nicht da.

Und Bäume genug, weiß blühend und rötlich.

Wind treibt Staubpartikel in eh schon brennende Augen. Trockene Rachen sehnen sich nach Frische.

Im Rahmen des Hölderlin-Projektes habe ich eine temporäre Klangcollage erarbeitet, die am 8. Juni 2008 unterhalb der Erde, in dem Transitraum der S-Bahn-Unterführung nahe des Frankfurter Bergs zu hören war. Thematisch habe ich in meiner Arbeit den Gegenstand des Wanderns, der Rast- und Heimatlosigkeit aufgegriffen, der für mich in der Auseinandersetzung mit Werk und Leben Hölderlins eine große Rolle gespielt hat.
 Passanten, welche die Unterführung durchquerten, habe ich mitgenommen auf einen Weg ohne konkretes Ziel. Geräusche unterschiedlicher Orte mit ihrer jeweils spezifischen Atmosphäre vermittelten ein Gefühl des sich Fortbewegens und Voranschreitens: Schritte. Tosender Lärm von Autos, Zivilisation, Menschen, Schritte, anschließend Ruhe, leise Schritte, Atmen. Wasser, das Surren von Insekten und Vogelgezwitscher, Schritte, dann rennend, Herzklopfen, Geräusche von Zügen, Wind, Natur belassene Orte, seichtes Blätterrauschen, dumpfe hallende Geräusche, die teilweise befremdlich wirken, der Lärm von Baustellen, schwere Schritte, Kindergeschrei Hupen, nur leise subtiles Herzklopfen – unterschwellig.

Auf einer zweiten Ebene habe ich einen Text erarbeitet, welcher in einer fragmentarischen Weise das Thema der Rastlosigkeit widerspiegelt. Passagen dieses Textes gemischt mit Versatzstücken Hölderlinscher Lyrik sind in die Klangcollage aus Geräuschen mit eingeflossen.
 Wir durchstreifen die tosende Stadt, auf der Suche nach größeren Räumen, die Ideales bergen.

Sabrina Ayorinde

Sabrina Ayorinde
1980 geboren in Bielefeld
2001 - 2004 Studium der Fotografie, FH Bielefeld
seit 2006 Studium der Bildenden Kunst und Spanisch
Akademie für Bildende Künste Mainz,
Johannes Gutenberg Universität
seit SS 2007 in der Klasse Umweltgestaltung, Prof. Lieser